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  3. Interview – Das Recovery College Team: mit frischem Wind voran
19.08.2026

Interview – Das Recovery College Team: mit frischem Wind voran

#Recovery
Nach einem Engagement von fast fünf Jahren hat Renata Bleichenbacher das Team des Recovery College St. Gallen (RCSG) verlassen. Andrea Koller und Marius Hasenböhler-Backes haben die Kurs-Organisation an den Standorten St.Gallen und Wil übernommen und zeichnen erstmals für das Programm des Herbstsemesters verantwortlich.

 

Andrea Koller, Pflegefachfrau HF, und Marius Hasenböhler-Backes, Experte aus Erfahrung, haben schon über Jahre Kurse angeboten und übernehmen nun vorrangig die Organisation der Angebote an den Standorten St.Gallen und Wil. Wir haben Andrea und Marius gefragt, weshalb sie sich fürs Recovery College einsetzen und welche Schwerpunkte ihnen wichtig sind.

 

Andrea, du engagierst dich schon seit mehreren Jahren in Recovery-Gruppen und Kursen des Recovery College St.Gallen. Was ist Deine Motivation für diese Arbeit?

Andrea Koller: Ich bin seit 30 Jahren Pflegefachfrau und begleite Menschen mit psychischen oder somatischen Erkrankungen. Es fasziniert und berührt mich bis heute, dass Menschen den Mut finden, sich Unterstützung zu holen und dabei einen wichtigen Teil ihrer Lebensgeschichte mit uns Pflegenden teilen. Diese Erfahrung mache ich auch immer wieder in den verschiedenen Recovery-Gruppen der Klinik in Pfäfers sowie in den Gruppen des Recovery College. Dort kann ich mein Fach-und Erfahrungswissen einbringen, Impulse setzen und gemeinsam mit Menschen auf ihrem Recovery-Weg Erfahrungen austauschen, reflektieren und manchmal auch ganz neue Perspektiven entwickeln.
Recovery bedeutet für mich, sich berühren zu lassen, Erfahrungen zu teilen und das eigene Leben individuell und selbstbestimmt zu gestalten. Genau deshalb engagiere ich mich in diesem Bereich.


Marius, welchen Mehrwert bringt Recovery aus deiner persönlichen Erfahrung?

Marius Hasenböhler-Backes: Für mich persönlich war nach meinem stationären Aufenthalt in Pfäfers die Erkenntnis wichtig, dass der eigene Recovery-Weg nicht an der Kliniktür endet. Man sollte weder von sich noch von anderen erwarten, geheilt oder einfach resilienter aus einer Krise hervorzugehen. Vielmehr kann eine Krise Anlass sein, darüber nachzudenken, was einem im Leben wirklich wichtig ist – und wie man auch mit allfälligen Einschränkungen ein gutes, würdevolles und selbstbestimmtes Leben führen kann. Was mir am Recovery-Ansatz besonders geholfen hat, ist neben den wertvollen fachlichen Inputs der Austausch mit anderen auf Augenhöhe und dabei zu erkennen, dass man nicht allein ist. 


Die Angebote im Recovery College richten sich an alle Interessierten, die sich mit dem Thema psychische Gesundheit auseinandersetzen möchten. Was unterscheidet die Kurse im RCSG von therapeutischen Angeboten aus fachlicher Sicht?
 
Andrea Koller: Im therapeutischen Setting wird eine Gruppe in der Regel von einer Fachperson geleitet, die auch für die inhaltliche Vorbereitung verantwortlich ist. Im RCSG arbeiten wir hingegen konsequent im Tandem: Eine Expertin aus Erfahrung gestaltet das Seminar gemeinsam mit einer Fachperson bzw. Dozentin.
Der Weg zu einem Seminar beginnt mit der Motivation für ein bestimmtes Thema. Daraus entsteht ein Tandem – entweder weil sich eine Expertin oder ein Experte aus Erfahrung und eine Fachperson für dasselbe Thema begeistern oder weil sie sich gezielt dafür zusammenfinden. Anschliessend entwickeln und gestalten sie den Kurs gemeinsam.
Die unterschiedlichen Perspektiven von Erfahrungs- und Fachwissen bereichern die Seminare und schaffen einen spannenden, abwechslungsreichen und praxisnahen Austausch. So entsteht ein vielfältiges Seminarprogramm, das von mehreren Blickwinkeln geprägt ist.
Ein weiterer wesentlicher Unterschied ist die Haltung im RCSG: Im Mittelpunkt stehst du als Mensch – mit deinem Leben, deinen Erfahrungen sowie deinen aktuellen Bedürfnissen und Wünschen. Dadurch können Seminare auch spontan an die Anliegen der Teilnehmenden angepasst werden. Manchmal entstehen aus diesen gemeinsamen Gesprächen sogar neue Themen und Angebote für das Recovery-Programm des neuen Semesters.


Wie erlebst du die Unterschiede zwischen therapeutischen Angeboten und dem Bildungsangebot des RCSG?

Marius Hasenböhler-Backes: Im therapeutischen Setting ist man in der Rolle des Patienten. Man fühlt sich oft hilfsbedürftig und vor allem zu Beginn fehlen einem je nach Krankheitsbild oft die kognitiven Kapazitäten, um das Vermittelte wirklich aufnehmen, bzw. integrieren zu können. Am Bildungsangebot des RCSG schätze ich den Mix aus Wissensvermittlung, das Teilen von Erkenntnissen der Dozierenden und der Teilnehmenden sowie die Offenheit aller Beteiligten, auch über eigene Belastungen, Herausforderungen sowie sich verändernde Lebensentwürfe zu sprechen. Am RCSG gefällt mir auch der präventive Ansatz, bei dem man sich bewusst und zusammen mit anderen Zeit nimmt, um sich mit der eigenen psychischen Gesundheit auseinanderzusetzen. Im Hamsterrad des Berufs- und Familienalltags bleibt dafür oft leider keine oder zu wenig Zeit.


Welche Schwerpunkte sind euch wichtig in eurer neuen Koordinationsfunktion im RCSG?

Andrea Koller: Marius ist der strukturierte Kopf unseres Duos. Mit seiner langjährigen Erfahrung in den Bereichen Organisation und Öffentlichkeitsarbeit bringt er wertvolle Kompetenzen ein, die für unsere gemeinsame Arbeit von grosser Bedeutung sind.
Ich bin mit der Psychiatrie St.Gallen sowie mit den Expertinnen und Experten aus Erfahrung durch meine langjährige Tätigkeit als Pflegefachfrau eng vernetzt. Dadurch konnte ich bereits ein breites Netzwerk aufbauen. Gemeinsam ist es uns gelungen, das Kursprogramm für den Herbst 2026 mit zahlreichen neuen Kursleitenden sowie Expertinnen und Experten aus Erfahrung zu gestalten.
Ein besonderes Anliegen ist es uns, Fachpersonen aus allen Bereichen der Psychiatrie St.Gallen für das RCSG zu gewinnen und sie zu motivieren, gemeinsam mit einer Expertin oder einem Experten aus Erfahrung einen Kurs durchzuführen. Denn wir sind überzeugt: Je vielfältiger unser Team ist, desto abwechslungsreicher, kreativer und bereichernder wird auch unser Kursprogramm.


Welches Entwicklungspotential hat Recovery aus deiner Sicht, insbesondere als neues Vorstandsmitglied von Swiss Recovery Colleges?

Marius Hasenböhler-Backes: Der Recovery-Ansatz und insbesondere auch die Recovery Colleges werden aus meiner Sicht gerade aufgrund der steigenden Fallzahlen und den Versorgungsengpässen in der klassischen therapeutischen Behandlung weiter an Bedeutung gewinnen. Die Colleges sind ein niederschwelliges und wirksames Angebot für eine breite Bevölkerung. 
In der Schweiz hinken wir jedoch der internationalen Entwicklung hinterher. Insbesondere mit Blick auf England oder die Niederlande haben wir bezüglich Anzahl der Recovery-Colleges und Breite der Recovery-Angebote noch erhebliches Potenzial. 
Unter dem Dach der Swiss Recovery Colleges gibt es derzeit sechs aktive Colleges in Bern, Zürich, St.Gallen, Schaffhausen, Lausanne und Genf. In den kommenden Jahren geht es vor allem darum, die Finanzierung dieser wertvollen Angebote zu sichern und damit noch mehr Menschen zu erreichen. Gleichzeitig sollen in weiteren Kantonen neue Colleges entstehen. So möchten wir einen wichtigen Beitrag zur Entstigmatisierung psychischer Belastungen und zur Stärkung der psychischen Gesundheit in der Schweiz leisten. 

Vielen Dank für das Interview, Andrea und Marius

 


 

Dieses Interview wurde im «Recovery Newsletter» der Psychiatrie St.Gallen im August 2026 publiziert.

links: Andrea Koller, Pflegefachfrau HF; rechts: Marius Hasenböhler-Backes, Experte aus Erfahrung

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