Wer täglich für andere da ist, braucht in schwierigen Momenten selbst verlässliche Unterstützung. Deshalb hat die Psychiatrie St.Gallen ein Unterstützungsprogramm implementiert, das auf kollegialer Erstbetreuung nach aussergewöhnlich belastenden Ereignissen aufbaut. Das als «KEB-Care» bezeichnete Angebot bietet ein strukturiertes, vertrauliches und niederschwelliges Unterstützungsangebot und steht allen Mitarbeitenden im Unternehmen zur Verfügung. Cristina Zulian, Fachpsychologin für Psychotherapie FSP und Fachperson psychologische Nothilfe NNPN, erklärt im Interview, wie «KEB-Care» funktioniert und weshalb Unterstützung für Mitarbeitende zum Selbstverständnis der Psychiatrie St.Gallen gehört.
Was war der Anlass für die Einführung von «KEB-Care»?
Cristina Zulian: Mitarbeitende im Gesundheitswesen leisten täglich Enormes – häufig in Situationen, die psychisch und emotional sehr fordernd sind. In der Psychiatrie St.Gallen gehören solche Belastungen zum Berufsalltag. Gleichzeitig zeigt die Erfahrung, dass auch sehr erfahrene Fachpersonen nach ausserordentlichen Ereignissen Unterstützung benötigen können. «KEB-Care» wurde eingeführt, um in genau solchen Momenten ein strukturiertes, niederschwelliges und professionelles Unterstützungsangebot bereitzustellen.
Was genau ist «KEB-Care» und wie ist das Angebot aufgebaut?
C. Zulian: «KEB-Care» ist ein dreistufiges Unterstützungsmodell, das auf dem bewährten KIMA-Modell basiert – der Krisenintervention für Mitarbeitende nach C. Hausmann. Ziel ist es, Belastungen frühzeitig aufzufangen und Mitarbeitende gezielt zu stärken. Je nach Bedarf stehen unterschiedliche Formen der Unterstützung zur Verfügung.
Kannst du die drei Stufen etwas näher erläutern?
C. Zulian: In der ersten Stufe steht die Kollegiale Erstbetreuung - kurz KEB - im Zentrum. Dabei führen speziell geschulte Kolleginnen und Kollegen zeitnah ein vertrauliches Entlastungsgespräch mit betroffenen Mitarbeitenden. Der Vorteil ist, dass diese Personen den Arbeitsalltag aus eigener Erfahrung kennen und Belastungen realistisch einschätzen können.
Wenn darüber hinaus Unterstützung nötig ist, kommt in der zweiten Stufe das interne Care Team zum Einsatz. Dieses besteht aus Psychotherapeutinnen und Psychologen mit notfallpsychologischer Ausbildung. Bei weitergehendem Bedarf vermitteln sie in einer dritten Stufe eine externe therapeutische Nachbetreuung.
An wen richtet sich «KEB-Care»?
C. Zulian: Das Angebot ist freiwillig, vertraulich und steht allen Berufsgruppen der Psychiatrie St.Gallen offen. Uns war wichtig, ein niederschwelliges Modell zu schaffen, das ohne Hürden genutzt werden kann – unabhängig von Funktion oder Hierarchiestufe.
Welchen Mehrwert bietet «KEB-Care» für die Organisation insgesamt?
C. Zulian: «KEB-Care» hilft Mitarbeitenden, belastende Ereignisse frühzeitig zu verarbeiten und mögliche Folgebelastungen zu vermeiden. Gleichzeitig ist es ein klares Bekenntnis der Psychiatrie St.Gallen zu einer gesunden und resilienten Arbeitskultur. Das psychische Wohl der Mitarbeitenden hat einen zentralen Stellenwert – und mit «KEB-Care» wird dieser Anspruch auch strukturell verankert.
Vielen Dank für diese Ausführungen.